Jeden Tag eine gute – oder wenigstens keine schlechte Tat

Früher war die Welt noch einfach. Die Pfadfinder hatten ein klares Motto: Jeden Tag eine gute Tat. Ein schöner Gedanke. Edel. Ein bisschen anstrengend vielleicht, aber grundsätzlich machbar.

Heute Morgen habe ich beschlossen, das Ganze realistischer zu betrachten:
Jeden Tag eine gute – oder zumindest keine schlechte Tat.

Spoiler: Es lief durchwachsen.

Die Ausgangslage war harmlos. Gassi gehen mit Una. Frische Luft, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Nachdenken über das Leben und andere große Themen. Dann kam der Hochwasserdamm. Steil. Schräge Fläche. Und genau dort – mit bemerkenswerter Zielgenauigkeit – setzte Una zu ihrer ganz persönlichen Tagesleistung an.

Ein Haufen. In Hanglage.

Nun gibt es Momente, in denen man als verantwortungsbewusster Hundebesitzer Größe zeigen müsste. Tüte raus, Balance halten, Hang sichern, vielleicht noch ein paar akrobatische Elemente einbauen – und das Problem wäre gelöst.

Und dann gibt es Momente, in denen man kurz innehält und denkt:
Das ist jetzt aber auch wirklich ungünstig.

Ich entschied mich für die zweite Variante. Ein schneller Blick nach links, nach rechts, ein innerliches „Wird schon keiner sehen“ – und weiter ging’s.

Man könnte sagen: keine gute Tat. Aber vielleicht auch noch keine schlechte. So eine moralische Grauzone mit leichter Schieflage – passend zum Gelände.

Ein paar Minuten später, gleiche Runde, andere Kurve.

Und plötzlich sehe ich ihn: einen Radfahrer. Angehalten. Am Wegrand. In eindeutiger Position. Die Natur ruft – und er nimmt den Anruf an.

In mir regt sich sofort der innere Ordnungshüter. Lautstark, empört, bereit zur Intervention.

„Toll! Muss das hier sein? Können Sie sich nicht eine andere Ecke für Ihr Geschäft suchen?“

Der Mann schaut auf, sichtlich überrascht, vielleicht auch ein wenig ertappt – und entschuldigt sich tatsächlich. Höflich. Einsichtig. Fast schon vorbildlich.

Ich gehe weiter. Ein kleines Gefühl von Genugtuung macht sich breit. Ordnung wiederhergestellt. Gesellschaft verteidigt. Mission erfüllt.

Und dann, ganz leise, meldet sich ein anderer Gedanke.

Moment mal…

Was wäre eigentlich gewesen, wenn dieser Radfahrer mich fünf Minuten früher gesehen hätte?
Dort am Hang. Mit Una. Und meinem sehr flexiblen Umgang mit der „Tüte-oder-nicht-Tüte“-Frage?

Hätte er mir zugerufen:
„Toll! Muss das hier sein?“

Und hätte ich mich dann auch so einsichtig entschuldigt?

Es ist einer dieser Momente, in denen die Welt kurz innehält und einem den Spiegel hinhält. Nicht in voller Größe, eher so handlich für unterwegs – aber deutlich genug.

Am Ende bleibt die Erkenntnis:
Die Grenze zwischen guter und schlechter Tat verläuft manchmal erstaunlich nah an der eigenen Bequemlichkeit.

Und vielleicht ist das moderne Pfadfinder-Motto gar nicht so kompliziert:
Nicht jeden Tag die Welt retten.
Aber vielleicht ab und zu den eigenen Maßstab überprüfen.

Und im Zweifel…
doch die Tüte nehmen.

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