Die eine Stelle

Jeder Hund hat seine Eigenheiten. Manche jagen Bälle, andere Socken, wieder andere philosophieren still vor sich hin, während sie ins Leere schauen. Mein Hund Una hingegen hat eine Mission. Eine Aufgabe. Einen Ort.

Eine Stelle im Garten.

Unscheinbar. Kein besonderer Boden, einfach ein Teil des Rasens neben unserem riesigen Rosmarin, kein Hinweis darauf, dass sich dort irgendetwas von Bedeutung befinden könnte. Für mich ist es einfach Wiese. Für Una offenbar das Epizentrum des Universums.

Denn egal, wie oft ich diesen Bereich wieder in einen halbwegs ansehnlichen Zustand versetze – glätte, auffülle, verdichte, nachpflanze, zurede – Una kehrt zurück. Zielstrebig. Konzentriert. Mit der Entschlossenheit einer Archäologin kurz vor dem Durchbruch.

Es beginnt immer im Geheimen. Nie lässt sie sich dabei beobachten. Einige Tage sind manchmal dazwischen aber immer wieder entsteht dort ein Krater, der entfernt an eine mittelgroße Ausgrabungsstätte erinnert.

Und ich frage mich: Warum?

Liegt dort ein Schatz? Ein Relikt aus vergangenen Zeiten? Hat Una etwas vergraben, das sie selbst nicht mehr findet? Oder ist es einfach ein geheimer Treffpunkt unterirdischer Mäuse, von dem nur sie weiß?

Die Fachliteratur liefert Antworten. Hunde buddeln aus Instinkt. Zur Futtersuche. Zur Beschäftigung. Aus Langeweile. Zur Temperaturregulierung. Zur inneren Ausgeglichenheit. Kurz gesagt: Sie buddeln, weil sie Hunde sind.

Das hilft mir ungefähr so viel wie die Erklärung, dass Regen nass ist.

Denn meine Frage bleibt: Warum genau diese Stelle?

Es gibt im Garten zahlreiche Alternativen. Flächen, die sich geradezu anbieten würden. Aber nein – Una hat sich entschieden. Und diese Entscheidung ist nicht verhandelbar.

Man könnte meinen, wir führen einen stillen Dialog.
Ich: „Bitte nicht schon wieder hier.“
Una: „Doch. Genau hier.“

Und während ich am Computer sitze und noch überlege, ob ich die Stelle vielleicht pflastern oder unter Denkmalschutz stellen sollte, ist sie wahrscheinlich längst wieder mitten in ihrer Arbeit. Voller Hingabe. Voller Überzeugung. Als hinge das Gleichgewicht der Welt davon ab.

Vielleicht ist es genau das, was mich so ratlos – und gleichzeitig ein wenig neidisch – macht. Diese Klarheit. Diese Zielstrebigkeit. Während wir Menschen oft nicht wissen, wo wir anfangen sollen, hat Una längst entschieden, wo es weitergeht.

Immer an der gleichen Stelle.

Am Ende bleibt mir also nichts anderes übrig, als die Situation zu akzeptieren und mich damit abzufinden, dass es in meinem Garten einen Ort gibt, der nicht mir gehört.

Sondern Una.

Und wer weiß – vielleicht entdeckt sie ja eines Tages tatsächlich etwas.

Bis dahin bleibt es ein Loch.

Und ein Rätsel.

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