Finde den Fehler

Nach langer Zeit verspüre ich einmal wieder die Lust zum Schreiben, denn nach einem schweren Landtagswahlkampf und einer für mich unverständlichen, aber sichtlich anwachsenden AfD-Beliebtheit frage ich mich, was passiert hier in unserem Land und auf unserer Welt eigentlich. Hier ein Beispiel:

Es gibt Orte, die mehr über den Zustand unserer Gesellschaft verraten als jede Talkshow. Mein persönlicher Favorit: ein Feldweg im Landschaftsschutzgebiet – idyllisch, ruhig, mit klarer Regel: Hunde bitte anleinen.

Klingt einfach. Ist es offenbar nicht.

Ich komme also mit meinem angeleinten Hund des Weges, geschniegelt, geschniegelt im Geiste der Vorschriften, geschniegelt im Vertrauen darauf, dass ein Schild nicht nur Dekoration ist. Uns entgegen: drei Hunde. Frei. Ungebunden. Ein bisschen wie ihre Besitzer.

Hund Nummer eins nimmt sofort diplomatische Beziehungen zu meinem Vierbeiner auf – ungefragt, versteht sich. Die Leine? Ein optionales Lifestyle-Accessoire. Hund Nummer zwei wird immerhin halbherzig eingefangen und angeleint. Man will ja nicht komplett gesetzlos wirken.

Und dann ist da noch Hund Nummer drei. Ein Freigeist. Ein Individualist. Ein Gourmet.

Denn zwischen uns liegt – wie bestellt – ein stattlicher Misthaufen am Ackerrand. Während Frauchen ruft, bittet, beschwört („Hiiiier! Komm! Jetzt aber!“), trifft Hund Nummer drei eine klare Entscheidung: Heute gibt es Delikatessen.

Er steuert zielsicher den Haufen an und beginnt, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Frauchen eilt hinterher, empört, entrüstet, beinahe persönlich beleidigt – nicht etwa über den eigenen unangeleinten Hund, sondern über die Existenz des Misthaufens.

Und dann fällt der Satz des Tages:
„Kaum ist der eine Haufen weg, liegt schon der nächste da.“

Man muss diesen Satz kurz wirken lassen.

Da steht also ein Hund, der gerade genüsslich das Buffet eröffnet hat, weil er – entgegen der klaren Regel – frei herumläuft. Und die Schuldfrage ist bereits geklärt: Der Misthaufen. Der Bauer. Das Universum. Nur ganz sicher nicht das andere Ende der (nicht vorhandenen) Leine.

Ich gehe weiter und denke: Das ist sie, die große gesellschaftliche Parabel im Kleinformat.

Erstens: Regeln gelten immer nur für die anderen. Schilder sind Empfehlungen, Gesetze situativ, und die eigene Freiheit endet grundsätzlich erst dann, wenn sie wirklich unbequem wird.

Zweitens: Verantwortung ist ein Wanderpokal. Wenn etwas schiefgeht, findet sich immer jemand oder etwas, das noch schuldiger ist als man selbst. Notfalls eben ein Misthaufen, der es gewagt hat, einfach da zu liegen, wo Natur nun mal stattfindet.

Und drittens – vielleicht das Wichtigste: Einsicht ist heute oft das Einzige, was konsequent an der Leine geführt wird.

Una und ich gehen also weiter. Angepasst, angeleint, ein bisschen altmodisch vielleicht. Aber immerhin mit dem beruhigenden Gefühl, den Fehler nicht allzu lange suchen zu müssen.

Er stand direkt vor mir. In dreifacher Ausführung.